HINWEISE BESONDERS FÜR MENSCHEN MIT CHRONISCH ENTZÜNDLICHEN DARMERKRANKUNGEN

LIEBE PATIENTINNEN UND PATIENTEN,

auch in der letzten Woche hat sich das neue SARS-CoV-2-Virus weiter ausgebreitet. Durch die seitens der Bundesregierung glücklicherweise so früh getroffenen und von der Bevölkerung bisher erfreulich gut mitgetragenen Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung konnten aber eine Überforderung des Gesundheitssystems vermieden werden und sind uns Bilder wie aus Italien, Spanien, dem Elsass sowie aktuell in New York oder UK erspart geblieben.

Die Belagszahlen in Spitälern und auf Intensivstationen bleiben stabil bzw. sind leicht rückläufig. Es bleibt noch abzuwarten, wie sich die nach Ostern erfolgte Öffnung auf die Infektionszahlen auswirken wird, diese Zahlen sollte es nach etwa 2-3 Wochen geben. Wenn sich hier kein signifikanter Anstieg zeigt, sollte einer weiteren Öffnung wie geplant Anfang Mai nichts im Wege stehen, danach sind wieder 2 Wochen Beobachtungsintervall eingebaut, bevor Mitte Mai die nächsten Schritte geplant sind.

Mit Stand 22.4.2020 sollen im Nationalrat endlich die Definition des Risikogruppen für einen schweren Verlauf von Covid-19 und die entsprechenden Änderungen im ASVG beschlossen werden, die einen Rechtsanspruch auf Berücksichtigung durch den Arbeitgebers (geschützter Arbeitsplatz bzw. wenn nicht möglich Heimarbeit) begründen. Es erfolgt eine Verständigung durch die Krankenkasse per Post, danach kann ab 4.Mai ein ärztliches Attest ausgestellt werden, welches die Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe feststellt. PatientInnen mit Chronisch Entzündlicher Darmerkrankung unter immunsuppressiver Therapie (Azathioprin, Methotrexat, Biologika) werden lt. derzeitigem Entwurf (Stand 21.4.) in diese Gruppe fallen.

Die Empfehlungen für Patienten mit Chronisch Entzündlichen Darmerkrankungen (CED) haben sich auch in dieser Woche nicht substanziell gegenüber dem, was ich am 16.März geschrieben habe, geändert und gelten weiter:

  1. Setzen Sie Ihre CED-Medikamente nicht ab und nehmen Sie sie weiter so ein, wie verschrieben. Es ist weitaus besser, die Medikamente weiter einzunehmen und in Remission zu bleiben als einen Schub zu bekommen, Kortison zu brauchen und womöglich eine stationäre Aufnahme im Krankenhaus.
  2. Praktizieren Sie weiterhin konsequentes „social distancing“, machen Sie Heimarbeit und unterlassen Sie unbedingt jeden nicht nötigen direkten Kontakt mit anderen Menschen.
  3. Informieren Sie uns bitte sofort, wenn Sie Fieber bekommen oder andere grippe-ähnliche Symptome und melden Sie sich mit jeder anderen Frage.

Infusionspatienten:
bei erhöhter Temperatur, Husten, Atemnot oder neu aufgetretenen Durchfälle in den letzten 2 Wochen kontaktieren Sie uns unbedingt BEVOR Sie in die Praxis kommen telefonisch oder per Email.

Bitte nur mit Mund-Nasen-Schutz (NMS, „Maske“) in die Ordination kommen!

Auch alle Patienten unter Tabletten, Spritzen etc. informieren uns bitte wenn Sie derartige Symptome merken und wenden sich an die Nummer 1450.

Bitte teilen Sie mir JEDES POSITIVE TESTERGEBNIS auf SARS-Cov-2 sofort mit und erlauben Sie uns auch, Sie in ein inzwischen europaweit laufendes Register einzuschließen, damit wir rasch Informationen über CED und Covid-19 bekommen.

REZEPTE:

Bitte um Mitteilung per Email an info@darmpaxis.at oder Telefon bzw. sms an 0664 5318760. Bitte um Info was Sie genau brauchen und in welcher Apotheke die Medikamente abgeholt werden sowie Email-Adresse der Apotheke.

KONTROLLEN:

Bei stabiler Remission können die geplanten Routine-Kontrollen bis Mai aufgeschoben werden.

Bitte nur mit Mund-Nasen-Schutz (NMS, „Maske“) in die Ordination kommen!

Bei Beschwerden sollten Kontrollen nicht verschoben werden. Ein Schub mit eventuellem Kortisonbedarf oder womöglich Krankenhausaufnahme sollte derzeit besonders vermieden werden. Bitte kontaktieren Sie mich im Bedarfsfall zur Vereinbarung einer Videoordination. Eine solche kann natürlich auch jederzeit bei Fragen oder allgemeinen Sorgen durchgeführt werden.
Anmeldung dafür bitte über info@darmpraxis.at

Medizinische NEUIGKEITEN der letzten Woche:

Weitere internationale Fachgesellschaften veröffentlichen Empfehlungen, die CED-Medikamente NICHT abzusetzen. Ein erhöhtes Infektionsrisiko ist anzunehmen, allerdings könnten vor allem Steroide sowie Immunmodulatoren wie Azathioprin, 6-MP oder Methotrexat das Risiko für Virusinfekte erhöhen. Biologika erhöhen in erster Linie das Risiko für bakterielle und Pilzinfektionen, Virusinfekte sind – wenn man an den Wirkmechanismus von TNF denkt – nicht typisch. Für Stelara und noch mehr Entyvio dürfte das Infektionsrisiko noch geringer sein. Es muss aber einschränkend festgehalten werden, dass spezifische Forschungsergebnisse auf Covid-19 bei CED derzeit nicht verfügbar sind.

Neue Daten aus China zeigen, dass das neue Virus auch den Verdauungstrakt betreffen kann. 18,6% aller infizierten Menschen zeigen demnach im Verlauf der Erkrankung Verdauungssymptome, in erster Linie in Form von Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und/oder Bauchschmerzen. Also Symptome, bei denen man nicht sofort an eine Coronavirus – Infektion denken würde.  Lebende Viren können auch über den Stuhl ausgeschieden werden, was vor allem bedacht werden sollte, wenn man auf öffentliche Toiletten angewiesen ist. In einer Untersuchung aus Wuhan konnte bei einem Patienten auch noch 41 Tagen noch Virus Genom nachgewiesen werden, ob diese RNA aber noch vermehrungsfähig ist darf bezweifelt werden, wurde aber nicht untersucht.

Quellen:
Am J Gastroenterol Vol115; 28Mar2020
Gut March 2020

Natürlich ist für alle CED-Betroffenen vor allem die Frage, wie Covid-19 bei ihnen verläuft, hochinteressant. Zur Klärung dieser Frage wurde ein weltweites Register initiiert, sobald es erste belastbare Ergebnisse gibt, werde ich diese kommunizieren. Deshalb auch nochmals die Bitte, sich sofort zu melden, wenn Sie positiv getestet sind, um möglichst viele Betroffene zu erfassen.

Eine Impfung wird bekanntermaßen noch einige Zeit in Anspruch nehmen, wird aber wohl die einzige Intervention sein, die zu einer breiten Normalisierung unseres bisher gewohnten Lebens führen wird. Bis dahin gibt es 2 Ziele: erstens herauszufinden, warum die Infektion bei einigen Menschen schwer verläuft und zweitens, für diese schweren Fälle eine Behandlungsmöglichkeit zu finden, die der Covid-19-Erkrankung ihren Schrecken und ihre Gefährlichkeit nimmt. Beatmungsgeräte zu kaufen kann aus medizinischer Perspektive ja nicht der Weisheit letzter Schluss sein.  An therapeutischen Ansätzen möchte ich 2 Substanzen erwähnen:

Remdesivir (Ziel: Virusvermehrung hemmen)
– ursprünglich für die Ebola-Therapie entwickelt
– derzeit in Phase-III-Studien sowohl für frühe als auch schwere Formen von Covid-19, Daten aus China werden in wenigen Wochen vorliegen, präliminäre Daten sind positiv (NEJM 09Apr2020)

Chloroquin
– Malariamittel
– hier in relativ hohen Dosen versucht, Toxizität zu beachten, wird nur in Pakistan produziert, derzeit Exportstopp

Kortison
wurde versucht, konnte aber keinen Vorteil zeigen –  nicht empfohlen

In Kürze wird eine Studie aus Wuhan mit 318 CED-Patienten im Lancet erscheinen, die telemedizinisch zuhause begleitet worden sind. Details dazu folgen sobald publiziert.

Empfehlungen für Patienten

  1. Die Vermeidung eines Schubes hat oberste Priorität
  2. Steroide sollten möglichst vermieden oder ausgeschlichen werden.
  3. Bei Verdacht auf akuten Schub kontaktieren Sie mich bitte zeitnahe.
  4. Bei Ansprechen der laufenden Therapie (inklusive Immunsuppressiva und Biologika) sollte diese unverändert fortgeführt werden. Bei fehlendem Ansprechen oder sekundärem Wirkverlust melden Sie sich bitte unverzüglich, insbesondere unter Azathioprin (Imurek, Immunoprin etc.) oder Tofacitinib (Xeljanz) um eine Therapieumstellung zu besprechen.
  5. Wenn möglich Rauchen aufhören und NSAR (bestimmte Schmerzmittel) restriktiv verwenden.
  6. Allgemeine Hygienemaßnahmen beachten (inklusive „social distancing“ ) (wobei mir physical distancing viel besser gefällt als social distancing)

Wir werden weiterhin für Sie da sein, wir werden die Therapien normal weiterführen und auch alles Notwendige organisieren!

Bitte bleiben Sie weiterhin geduldig und lassen Sie nicht nach in der Selbstsorge, es wird noch dauern! Bleiben Sie viel zuhause, schauen Sie auf sich. Und bleiben Sie möglichst gesund!

Alles Gute!

Dr. Thomas Haas

Stand: 27.4. 2020

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